Der dritte Freitag im März, Juni, September und Dezember. Für die meisten Menschen ein Tag wie jeder andere. Für mich und jeden, der professionell mit Derivaten handelt, ist es der Tag, an dem die Hölle kurzzeitig einfriert – der Hexensabbat. Und obwohl der Name so finster klingt, ist der Ursprung alles andere als ein Marktphänomen.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Hexensabbat ist historisch ein erfundener Treffpunkt von Hexen mit dem Teufel, ein Produkt der Hexentheoretiker der Frühen Neuzeit.
- Der Begriff verbindet den deutschen "Hexen"-Begriff mit dem hebräischen "Schabbat" – eine dämonisierende Verquickung, die auf antijudaistischen Stereotypen beruht.
- Im Börsenkontext bezeichnet der Hexensabbat den "großen Verfallstag", an dem Optionen und Futures auf Indizes und Aktien gleichzeitig auslaufen.
- Dieser Tag fällt vierteljährlich auf den dritten Freitag des dritten Monats und führt zu erhöhter Volatilität und explodierenden Handelsvolumina.
- Der "kleine" Verfallstag findet monatlich statt und betrifft nur einen Teil der Derivate – der "große" ist die dreifache Nummer.
- Wer als Trader nicht weiß, was an diesem Tag passiert, kann von der Kursdreherei leicht überrollt werden.
Hexensabbat: Mehr als nur ein düsterer Mythos
Die meisten denken bei "Hexensabbat" an nächtliche Orgien auf dem Brocken, an fliegende Besen und an einen gehörnten Teufel, dem die Hexen huldigen. Dieses Bild, das bis heute in Filmen und der Popkultur kursiert, ist eine Erfindung – aber eine mit einer erschreckend realen und blutigen Geschichte. Die Hexentheoretiker der Frühen Neuzeit, also Theologen und Juristen, die sich mit dem Phänomen der Hexerei beschäftigten, konstruierten dieses heimliche, regelmäßige Treffen als das genaue Gegenteil der christlichen Messe.
Der Ort des Schreckens: Der Hexentanzplatz
Es gab dafür sogar einen festen Begriff: den Hexentanzplatz. Das war ein bestimmter, meist abgelegener Ort in einer Region – ein Berggipfel, eine Waldlichtung –, an dem sich die "Hexen" einer ganzen Gegend mit dem Teufel treffen sollten. Der bekannteste dieser Orte ist zweifellos der Hexentanzplatz im Harz, nahe der Stadt Thale. Wenn ich mir heute die Landschaft dort ansehe, kann ich mir gut vorstellen, wie viel Angst die Menschen damals vor diesen düsteren Wäldern gehabt haben müssen. Die reale Landschaft wurde zur Projektionsfläche für die schlimmsten Ängste.
Woher kommt der Begriff Hexensabbat?
Die Herkunft des Wortes ist dabei besonders perfide. Der Begriff verbindet den im frühen 15. Jahrhundert geprägten Hexenbegriff mit dem hebräischen Wort Schabbat. Ja, richtig gehört: Einfach ausgedrückt, wurde der jüdische Ruhetag, der von Gott gebotene Ruhetag am Ende der Arbeitswoche, von den Zeitgenossen dämonisiert und in einen angeblichen Treffpunkt für Teufelsanbetung umgedeutet. Es steckte also ein handfester, antijudaistischer Kern in dieser Wortschöpfung. Man unterstellte den Juden satanische Riten, Ritualmorde und Schadenzauber – und diese Stereotype wurden später auf andere Gruppen, wie die Katharer oder Waldenser, übertragen. Der Begriff ist also von Grund auf ein Propagandabegriff, ein Feindbild, das dazu diente, Verfolgung und Pogrome zu rechtfertigen.
Das ist die historische Wahrheit. Und die ist meiner Meinung nach viel unheimlicher als jeder Schauermärchen-Film, weil sie reale Konsequenzen hatte. Als Blogger, der sonst über Charts und Unternehmenszahlen schreibt, ist mir die historische Bedeutung dieses Konzepts erst richtig bewusst geworden, als ich angefangen habe, tiefer zu graben. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie Sprache und Begriffe dazu benutzt werden können, Ängste zu schüren und Gewalt zu legitimieren.
Der Hexensabbat an der Börse: Das große Verfallsdatum
Jetzt wechseln wir die Ebene komplett. Glücklicherweise hat der Begriff an der Börse nichts mit Teufel oder Hexen zu tun – zumindest nicht im wörtlichen Sinne. Und doch sorgt er bei vielen Anlegern für Herzrasen. Der „Hexensabbat“ ist hier der Spitzname für den großen Verfallstag, im Englischen als "Triple Witching Day" bekannt. Dieser Tag fällt in jedem Quartal auf den dritten Freitag des dritten Monats – also auf den dritten Freitag im März, Juni, September und Dezember.
Warum ist das so besonders? An diesem Tag verfallen die Optionen und Futures auf Indizes und Aktien an fast allen Terminbörsen weltweit gleichzeitig. An der Eurex, der großen europäischen Terminbörse, laufen dann also nicht nur einzelne Kontrakte aus, sondern ein ganzes Bündel. Das hat einen massiven Einfluss auf den Markt.
Die Mechanik hinter dem Phänomen
Stellen Sie sich das so vor: Institutionelle Anleger wie Fonds oder Banken halten riesige Positionen in Futures und Optionen, um sich gegen Kursschwankungen abzusichern oder um auf steigende oder fallende Kurse zu spekulieren. Läuft nun dieser Kontrakt aus, müssen sie entscheiden: Glattstellen, also die Position schließen, oder in den nächsten Monat "rollen", also die Position übertragen. Das erzeugt ein enormes Handelsvolumen. Ich erinnere mich an meine Anfangszeit im Trading, als ich die Kursbewegungen an solchen Tagen nicht verstanden habe. Die Kurse schossen scheinbar ohne Grund hin und her, und ich stand wie der sprichwörtliche Ochs vorm Berg.
Es ist ein bisschen wie bei einem Uhrwerk, das sich auflädt: Alle wissen, dass zur vollen Stunde die Glocke schlägt, aber keiner weiß genau, wie laut sie sein wird. Der Markt preist die Unsicherheit über die Entscheidungen der großen Player ein, und das führt zu erhöhter Volatilität. Man sieht dann oft starke Ausschläge in den letzten Handelsminuten vor dem Verfall, wenn die großen Orders platziert werden. Ein einzelner Anleger sollte an diesem Tag wissen, was er tut. Mit offenen Positionen, die gegen ihn laufen, kann der Hexensabbat sehr teuer werden.
Kleiner vs. großer Verfall: Der Unterschied, der zählt
Viele verwechseln das. Es gibt ja auch einen "kleinen" Verfallstag, der monatlich, also jeden dritten Freitag im Monat, stattfindet. Was ist da der Unterschied?
- Kleiner Verfall: Hier verfallen nur Optionen auf einzelne Aktien und auf Indizes, aber keine Futures. Das Handelsvolumen ist erhöht, aber die Auswirkungen auf den Gesamtmarkt sind meist überschaubar.
- Großer Verfall (Hexensabbat): Das ist die dreifache Nummer. Hier verfallen auch die Index-Futures, also die großen Terminkontrakte auf den DAX, den Euro Stoxx 50 oder den S&P 500. Das ist der Moment, an dem die ganz dicken Fische umschichten, und die Kurse können deutlich heftiger reagieren.
Für mich ist der große Verfallstag ein Tag, an dem ich meine Strategie anpasse. Ich halte meine Positionen dann eher kleiner und meide es, neue, große Positionen kurz vor dem Verfall zu eröffnen. Die Gefahr, von einer Kursdreherei erwischt zu werden, die auf die Verfallszeitpunkte zurückzuführen ist, ist schlicht zu hoch. Es ist ein bisschen wie bei einem Gewitter: Man weiß, dass es kommt, aber man weiß nicht genau, wo der Blitz einschlägt. Also sucht man besser Schutz.
Strategien, Risiken und Mythen
Jetzt wird es praktisch. Was bedeutet das konkret für Sie? Zuerst einmal: Der Hexensabbat ist kein Tag, um außergewöhnliche Gewinne zu erzielen, wenn man nicht hauptberuflich damit beschäftigt ist. Die erhöhte Volatilität ist ein zweischneidiges Schwert. Ja, die Chancen sind größer, aber das Risiko auch. Ich habe schon in den ersten Monaten gelernt, dass man an solchen Tagen mit Stop-Loss-Orders sehr vorsichtig sein muss. Die Kurse können so schnell durch die Marken schießen, dass die Ausführung zu einem viel schlechteren Preis erfolgt als gedacht. Das nennt man Slippage, und an einem Hexensabbat kann das richtig wehtun.
Einige Mythen zum Börsen-Hexensabbat
Es ranken sich viele Mythen um diesen Tag. Ich will mit ein paar aufräumen:
- Mythos 1: "Der Markt stürzt immer ab." Falsch. Es gibt keine feste Richtung. Es gab schon Hexensabbate mit starken Kursgewinnen und solche mit heftigen Verlusten. Die Richtung hängt von der allgemeinen Marktlage ab, nicht vom Verfallstag selbst.
- Mythos 2: "Man kann leicht Geld verdienen, wenn man die Richtung kennt." Auch falsch. Die Kursbewegungen sind oft chaotisch und von Großaufträgen dominiert, die für den Einzelnen nicht vorhersehbar sind. Es ist kein Spiel, das man mit dem Bauchgefühl gewinnt.
- Mythos 3: "Nur Profis müssen sich damit beschäftigen." Das ist meiner Meinung nach der gefährlichste Irrglaube. Jeder, der einen ETF auf den DAX oder den S&P 500 besitzt, ist indirekt von den Bewegungen am Verfallstag betroffen. Denn die großen Fonds, die diese ETFs abbilden, müssen ihre Geschäfte glattstellen, was die Kurse beeinflusst – die Kurse, die auch den Wert Ihres ETFs ausmachen.
Einmal habe ich den Fehler gemacht und dachte, ich könnte die Bewegung nach dem Verfall short traden. Ich war überzeugt, dass die Kurse nach dem ganzen Trubel fallen würden. Und dann? Es kam völlig anders. Die Indizes schossen nach einem positiven Impuls aus den USA in die Höhe, und ich musste meine Position mit Verlust glattstellen. Überheblichkeit ist an der Börse der teuerste Lehrmeister. Ehrlich gesagt, war das eine der besten Lektionen, die ich gelernt habe: Respekt vor den Mechanismen des Marktes zu haben und seine eigene Wichtigkeit klein zu halten.
| Kriterium | Kleiner Verfallstag | Großer Verfallstag (Hexensabbat) |
|---|---|---|
| Frequenz | Monatlich (jeder 3. Freitag) | Vierteljährlich (3. Freitag im März, Juni, Sept., Dez.) |
| Verfallende Produkte | Optionen auf Einzelaktien und Indizes | Optionen auf Einzelaktien, Indizes und Index-Futures |
| Marktauswirkung | Erhöhte Volatilität bei einzelnen Aktien | Starke Volatilität im gesamten Markt, große Kursdrehereien |
| Handelsvolumen | Überdurchschnittlich | Explodiert, oft das höchste des Quartals |
| Relevanz für Privatanleger | Moderat, meist ignorierbar | Hoch, Vorsicht mit offenen Positionen geboten |
Die Verfallstage im Jahr 2026
Falls Sie sich für das Jahr 2026 absichern möchten, hier die konkreten Daten für den großen Verfallstag. Merken Sie sich diese Termine oder tragen Sie sie direkt in Ihren Kalender ein. Es könnte Ihr Depot schützen.
- 20. März 2026
- 19. Juni 2026
- 18. September 2026
- 18. Dezember 2026
Ein letzter Gedanke: Der Name ist derselbe, aber die Bedeutung könnte unterschiedlicher nicht sein. Der historische Hexensabbat war ein Produkt von Aberglauben und Angst, geschaffen, um Menschen zu verfolgen. Der Börsen-Hexensabbat ist ein Produkt der Finanzmärkte, geschaffen durch Regeln und Verträge. Die Geschichte lehrt uns, dass Begriffe Macht haben. Und an der Börse kann diese Macht sehr real werden – zumindest in Euro und Cent. Vielleicht ist das die beste Lektion: die Geschichten hinter den Begriffen zu kennen, um die Realität dahinter besser zu verstehen.